Bettina Baltensweiler
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„Wir aus dem Narrenturm“
Von Astrid Deuber-Mankowsky

Die Arbeit „Wir aus dem Narrenturm“ besteht aus fünfzig 36×20 cm großen versteiften, mit Acryl bemalten und schwarzem Faden benähten Leinwandfragmenten. Eines ist strahlend rotorange und senfgelb mit herbstlichen Blättern bemalt, auf andere sind Papierstreifen aufgenäht, Zeitungsausschnitte mit chinesischen und arabischen Schriftzeichen oder transparente, ornamenthafte Blumenmuster. Auf alle ist deutlich erkennbar mit schwarzem Faden in schmalem Zickzack ein immer gleiches transparentes Gefäß gezeichnet. Diese Gefäße erinnern an Gläser, die man zur Aufbewahrung von Eingemachtem oder in pathologisch-anatomischen Sammlungen zur Aufbewahrung der Präparate benutzt. Sie enthalten Angedeutetes, Lebendes, Ungeborenes, Schädel und Knochen, Kinderspielzeug, einen Teddy, eine Ente auf Rädern, Fußfesseln, ein Lächeln, ein Gesicht. Von allen hängen und ragen die unvernäht gebliebenen schwarzen Fäden aus dem Bild, sie verwirren sich in der Luft wie Haare. Die Künstlerin nennt diese Fäden Luftwurzeln, welche die Bilder mit dem Geschehen der Welt verbinden.

Die fünfzig 36x20cm großen versteiften, benähten und bemalten Bildträger hängen auf Augenhöhe in serieller Ordnung im Raum. Sie bilden als Ensemble einen durchgehbaren Blätterwald, in dem die Besucherinnen und Besucher sich aufhalten, sich von den Details erfassen lassen oder in die Serien hinein gehen können. Die Leinwandfragmente sind zum Teil auf beiden Seiten bemalt und weisen wie alle Näharbeiten Vorder- und Rückseiten auf. Frei hängend drehen sie sich schon bei einem leichten Luftzug, entfalten ein pastellfarbenes Lichtspiel und geben sich zugleich als changierende Sinnbilder zu erkennen.

Auf den Blumen- und Blätterbildern lösen sich die Gefäße auf, werden zu reiner Transparenz oder brechen auf, gehen über in die Figuren der Pflanzen, sie scheinen vom Vergehen der Natur erfasst. Nicht immer dienen die Gefäßwände als Grenzen. Manchmal, wie auf dem Fragment zum Land des Lächelns, läuft eine dick gezackte auf das Bild aufgenähte Grenzlinie senkrecht parallel zur Gefäßwand über das Bild. Hier ist die Grenze gesondert materialisiert. Von ihr gehen keine Fäden aus. Auf anderen dienen die Gefäße als Behältnisse, sie können Schutz sein oder Gefängnis, bewahren, aber auch ein- und aussperren.

Die Gefäße weisen auf den nicht weit vom Ausstellungsort, dem Künstlerhaus Wien, entfernten Narrenturm, der 1784 als erste Anstalt für Geisteskranke in Europa gebaut wurde und heute Sitz der pathologisch-anatomischen Sammlung und Teil des Naturhistorischen Museums von Wien ist. Es geht in der Arbeit von Bettina Baltensweiler um Grenzziehungen, um Ein- und Aussperrungen, um Verteilung von Räumen, es geht, um eine Formulierung des französischen Philosophen Jacques Rancière aufzunehmen, um die Aufteilung des Sinnlichen, um die Frage, wer sprechen kann und Anteil hat an der Produktion von Sinn und wer nicht.

Lange bevor ein Bild auf dem Träger erscheint, setzt die künstlerische Arbeit von Bettina Baltensweiler ein: Sie beginnt beim Zerschneiden der Leinwand in gleich große Fragmente, setzt sich fort mit der Vervielfältigung und Versteifung der Fragmente, mit der Ersetzung des Pinsels durch die Nähmaschine, der Öffnung des Bildes durch das Hängenlassen der nicht vernähten Fäden, der Ersetzung des Originals durch die Serie, des Hängens der Bilder an die Decke statt an die Wand. Bettina Baltensweilers künstlerisches Verfahren könnte als eine Strategie des Verrückens bezeichnet werden, des Verrückens von Grenzen durch das Verrücken von Material, des Verschiebens und Überblendens von Orten. Die Nähmaschine auf der Leinwand, der Narrenturm im Künstlerhaus, auf der Vorderseite die Poupette im Gefäß und auf der Rückseite der Satz des 12-jährigen Jungen aus Syrien: „Ich stelle mir vor, es sei Wasser und kein Blut“. Der Satz steht in Arabisch da, ohne Übersetzung, ebenso wie die Worte in chinesischer Schrift „Land des Lächelns“ auf der Rückseite des Bildes mit dem Gesicht des chinesischen Jungen und der unverrückbaren Grenze, die senkrecht parallel zur Gefäßwand verläuft. Bilder können mit Rancière als Relationengefüge von Sagbarkeit und Sichtbarkeit beschrieben werden, aus denen ein Affizierungsvermögen entsteht. Was sagbar ist, ist nicht sichtbar und was sichtbar ist, nicht sagbar. Eben deshalb bleiben die Sätze in den Bildern in arabischer, chinesischer und afrikanischer Schrift und Sprache unübersetzt.

Zum Verrücken von Grenzen gehört auch das Verrücken der Grenze von Kunst und Nichtkunst. Erst diese Verrückung macht Kunst zu Kritik und diese erst macht Kunst zu Kunst. Die unvernähten aus den Bildern in den Raum ragenden schwarzen Fäden sind ein wunderbares Bild für diese Grenzverschiebung.  „Wir aus dem Narrenturm“ so lautet der Titel der Arbeit. Aber wer, so fragt man sich beim Verlassen der Ausstellung, ist dieses „wir“, sind wir etwa mitgemeint?

Bettina Baltensweiler (1961) ist freischaffende Künstlerin.
Studium der Gemälderestauration an der Accademia Palazzo, Santa Maria Novella in Florenz, so wie ein Nachdiplomstudium an der Schule der Künste Zürich.
Mit diversen Einzel- und Gruppen Ausstellungen im In – und Ausland und Kunstvermittlungsaktionen ist BB seit dem Jahr 1990 an eine breitere Öffentlichkeit getreten. Sie arbeitet und lebt in Zürich.

 

 

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