Christoph Zihlmann

Ich war nie in Sarajevo

Ich war nie in Sarajevo, ich war nie in Bosnien.
Ich sitze zuhause. Auf dem Bildschirm meines Computers sehe ich Bilder von Sarajevo und von Bosnien. Ich sehe Landkarten, Wasserfälle und Brücken, Gebäude und Strassen, Plätze und Sehenswürdigkeiten.
Ich sitze zuhause. Ich sehe Bilder von Sarajevo bei Sonnenuntergang (Sonnenaufgang?) – ein blauer Fluss, warmrote Ziegeldächer, grüne Hügel, ein zarter weiter Himmel. Ich sehe Bilder von Sarajevo aus der Kriegszeit – zerschossene Gebäude, Schutthaufen und leere Strassen, vereinzelt gebückte und eilende Menschen. Die einen Bilder wecken in mir eine unbestimmte Sehnsucht nach Schönheit und Ferne, die anderen ein Gemisch aus Angst, Besorgnis und Erleichterung, nicht dort sein zu müssen.
Ich sitze zuhause. Ich sehe eine ferne Welt auf dem Bildschirm. Ich sehe eine nahe Welt rundherum. Ich nehme beide Welten wahr. Beide Welten dringen in mein Inneres. Ich bin in Verbindung mit beiden Welten.
Ich frage mich: Was ist der Unterschied zwischen der fernen Welt auf dem Bildschirm und der nahen Welt rundherum? Die Wirklichkeit auf dem Bildschirm gelangt über mediale Kanäle und Zwischenstationen zu mir. Die Wirklichkeit meiner Wohnung scheint direkter und handfester zu sein. Ist die nahe Welt deshalb wirklicher als die ferne Welt? Ist es dieselbe Welt?
Auf meinen Bildern zeichne ich die ferne und die nahe Welt auf demselben Blatt. Ich zeichne das Sonnenuntergangs-Sarajevo, ich zeichne das Kriegs-Sarajevo. Meine nahe Welt rundherum ist immer dieselbe. Einmal ist die ferne Welt farbig, einmal ist die nahe Welt farbig.
Was siehst Du?

Christoph Zihlmann:

Geb. 1956 in Luzern. Schulen in Luzern. Architekturstudium in Lausanne und Zürich. Seit 1999 eigenes Architekturbüro in Zürich. Lebte in Lausanne, Zürich, Genf, Boulder/ USA, seit 1991 in Zürich. Als Künstler Autodidakt. „Ich sehe meine Kunst als Mittel, um verborgenere Aspekte der Existenz zu erforschen und um mit der Welt um mich herum unvoreingenommen in Verbindung zu treten.“

 

I have never been to Sarajevo

I have never been to Sarajevo, I have never been to Bosnia.
I am sitting at home. On the screen of my computer I am looking at photos of Sarajevo and Bosnia. I see maps, waterfalls and bridges, buildings and streets, squares and sights.
I am sitting at home. I am seeing pictures of Sarajevo at sunset (sunrise?) – a blue river, roofs with red tiles, green hills, a wide delicate sky. I am seeing pictures of Sarajevo during the war – bombed buildings, heaps of rubble and empty streets. Isolated people, bent over and hurrying. Some pictures call forth a vague longing for beauty, some others a mixture of anxiety, concern and relief of not having to be there.
I am sitting at home. I am seeing a faraway world on my screen. I am seeing a nearby world all around. I experience both worlds. Both worlds penetrate my mind. I am in connection with both worlds.
I ask myself: what is the difference between the faraway world on the screen and the nearby world all around me? The reality on the screen reaches me through medial channels and interstations. The reality of my apartment seems to be more direct and concrete. Is the nearby world therefore more real? Is it the same world?
In my watercoulours I am drawing the faraway and the nearby world on the same sheet of paper. I am drawing Sarajevo at sunset, I am drawing Sarajevo at war. My nearby world all around is always the same. One time I am colouring the faraway world, one time I am colouring the nearby world.
What do you see?

 

 

Born 1956 in Lucerne. Schools in Lucerne. Studies of architecture in Lausanne and Zurich. Since 1999 own architect’s business in Zurich. Lived in Lausanne, Zurich, Geneva, Boulder/USA, since 1991 in Zurich. Self-taught artist. “I see my art as a means for exploring hidden aspects of existence and for being in contact with the world around myself without preconception.”