Ilma Rakusa

Mein Sarajevo

Zum ersten Mal sah ich die Stadt mit neunzehn, es war im Herbst 1965. Meine Wiener Tante lud mich und meine zwei Jahre ältere Cousine zu einer Reise durch Kroatien und Bosnien ein. Wir fuhren mit dem Auto, am Steuer sass der Chauffeur von Tantes Firma, ein stiller Mann, der seinen Job zuverlässig und wortkarg versah. Dubrovnik mit seinen imposanten Stadtmauern, seinem glänzend hellen Pflaster und dem Meer ringsum hat sich meiner Erinnerung fest eingeprägt. Doch irgendwann verliessen wir diese adriatische Idylle und folgten dem Fluss Neretva bis Mostar. Krasser Szenenwechsel. Die Stadt mit ihren Brücken und osmanischen Moscheen liegt zwischen steilen Karsthängen, wie ein morgenländisches Märchen. Und weiter ging es über Berg und Tal nach Sarajevo. Es war später Nachmittag, als wir durchs Basarviertel schlenderten. In kleinen Buden wurde gehämmert, Teppichhändler priesen ihre Ware an, da und dort duftete es verführerisch nach Ćevapčići. In einem winzigen Laden kaufte ich mir eine Silberkette, ich hüte sie noch immer. Sarajevo wurde zu meiner ersten Begegnung mit dem, was ich für den Orient hielt: ein magischer Ort voll zauber- hafter Farben, Gerüche und Klänge. Fremdartig, in Teilen aber doch bekannt. Denn es genügte, die Baščaršija zu verlassen und in die „österreichischen“ Vier- tel zu gehen, und schon stellten sich Assoziationen zu Ljubljana oder Wien ein. Schon damals faszinierte mich die Vielfalt dieser Stadt, ihr schillerndes Gepräge. Das Nebeneinander von Ost und West in einer für mich nie da gewesenen Weise. Später las ich mit Begeisterung Ivo Andrićs Romane und Erzählungen, die mir die bosnische Geschichte nahebrachten – ihre Komplexität, ihr permanentes Konfliktpotenzial.
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Ilma Rakusa:

Geb. 1946 in Rimavská Sobota (Slowakei), lebt seit 1951 in Zürich. Slawistik- und Romanistikstudium in Zürich, Paris und
St. Petersburg. Übersetzerin aus dem Russischen, Serbokroatischen, Ungarischen und Französischen und Publizistin (Neue Zürcher Zeitung, Die Zeit). Sie veröffentlichte zahlreiche Lyrik-, Erzähl- und Essaybände und wurde mit namhaften Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Ilma Rakusa ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

 

 

My Sarajevo

I was nineteen when I first visited the city in the fall of 1965. My aunt in Vien- na had invited me and my cousin, who is two years older than I am, on a trip across Croatia and Bosnia. We traveled by car. My aunt’s chauffeur was a quiet man who did his job in a reliable and reticent fashion. Dubrovnik with its formidable city walls, its shiny stone-paved streets, and the sea surrounding it, has ever since remained firmly impressed upon my memory. At some point, however, we departed from that Adriatic idyll and followed the River Neretva to Mostar. Crass change of scenery. The city with its bridges and Ottoman mosques is nestled among steep karst slopes like a scene in an Oriental fairy- tale. After Mostar, we traversed mountain ridges and valleys and arrived at our next destination, Sarajevo. It was late afternoon, when we strolled through the city’s bazar quarter. In little stalls, craftsmen were hammering away, carpet dea- lers praised their wares, and here and there the seductive aroma of Ćevapčići filled the air. In a tiny shop, I bought a silver chain that I still keep dear to my heart even today. Sarajevo thus became the stage of my first encounter with what I believed  to be the Orient – a magical place teeming with enchanting colors, scents, and sounds. Alien in part and yet familiar. For it sufficed to leave the Baščaršija and to enter into the “Austrian” quarters of the same town in order to evoke memories of Vienna or Ljubljana.
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Born in 1946 in Rimavská Sobota (Slovakia), has lived in Zurich since 1951. In Zurich, Paris and St. Petersburg she majored in Slavic and Romance Studies. Rakusa is a translator from Russian, Serbo-Croatian, Hungarian and French, and a journalist (Neue Zürcher Zeitung, Die Zeit). She has published numerous collections of lyrics, stories, and essays and has been honoured with re- nowned prizes and fellowships. She is a member of the German Academy for Language and Poetry.