Marlis Spielmann
http://www.marlisspielmann.ch/

Tanzschritte und scharfe Schnitte
Ich habe nach der „typischen Wienerin“ gesucht. Mein Eindruck von früheren
Städtebesuchen wurde bestätigt, dass die Wienerinnen offen und kommunikativ
sind. In einem Blog erkundigte ich mich nach ihren Wünschen und Träumen, um
Probleme oder Fragestellungen von gesellschaftlicher Relevanz aufzugreifen.
Geantwortet haben durchwegs jüngere Frauen: Liebe, Romantik, Erotik und
Körpergefühl scheinen einen grossen Stellenwert zu haben.
Diese subjektiv wahrgenommenen, „archetypischen“ Merkmale der Wienerin
habe ich in Scherenschnitten festgehalten. Pinzette, Papier, eine hochpräzise
Augenchirurgie-Schere und eine ruhige Hand sind meine wichtigsten Arbeitsinstrumente.
Die volkstümliche Ausstrahlung des Scherenschnitts nutze ich unter anderem für
eine Auseinandersetzung mit dem Thema der erotischen Freiheit von Frauen,
wobei die kreisförmige Vervielfältigung der Figur den kollektiven Charakter
betont. Die Farbflächen haben dabei die doppelte Funktion, einerseits lockere
Rhythmen und Muster zu schaffen und andererseits die „blinden“ Formen des
Papiers mit Ausdruck zu füllen: verhüllte und sich enthüllende Persönlichkeiten,
verspielte und solche die den Takt angeben, Frauen in Schleiern, die hier für verborgene
Sehnsüchte stehen, und Tierfiguren, die eine Ersatzfunktion einnehmen
mangels Erfahrungsmöglichkeiten von Nähe mit Menschen.
Der geometrischen, regelmässigen Struktur stelle ich das chaotische Ausbrechen
aus Einschränkungen gegenüber. Trotz vielschichtiger Anspielungen sind
die Scherenschnitte auch, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen: Reigen
fröhlich tanzender Menschen und Tiere.

Marlis Spielmann: Lebt und arbeitet in Thalwil/ZH. Ausbildung an der Internationalen
Sommerakademie Österreich, Weiterbildung an der ZHdK (Zürcher
Hochschule der Künste) Studiengang Bildende Kunst, F+F Schule für Kunst und
Mediendesign. Diverse Auszeichnungen, Ankäufe, Einzel- und Gruppenausstellungen.

 

 

 

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