Melinda Nadj Abonji

Auszüge aus „Tauben fliegen auf“

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich heisse Sie recht herzlich willkommen im Namen der Gemeinde!, der Gemeindepräsident, ein freundlich aussehender Mann Mitte sechzig (…), der einen einfachen Anzug trägt, schildert kurz, worum es geht, und der Hauswart löscht das Licht, schaltet den Diaprojektor an, nun zeigen wir ein paar Bilder, sagt der Gemeindepräsident, damit sich jene, die die Kocsis nicht kennen, ein Bild machen können, damit jene, die sie schon ken- nengelernt haben, sich an sie erinnern, hier, die beiden Kinder, Ildikó Kocsis, die in ein paar Monaten achtzehn wird, ihre um knapp zwei Jahre jüngere Schwes- ter Nomi, die Kinder sind nie negativ aufgefallen, sagt der Gemeindepräsident, sie sprechen tadellos Deutsch, die Ältere ist sogar mit ausserordentlich guten schulischen Leistungen hervorgetreten, und der Gemeindepräsident räuspert sich vermutlich an dieser Stelle, die Eltern, Rósza und Miklós Kocsis, haben einen ausgezeichneten Leumund, ausser ein paar kleineren Übertretungen im Bereich des Strassenverkehrs haben sie sich nichts zu Schulden kommen lassen; die Gemeinde, die aufmerksam zuhört, das rhythmische Schnappen des Projektors, hier die Familie im Freibad (…) und hier sieht man sie vor der Wäscherei (…), wir kommen jetzt zur eigentlichen Abstimmung, sagt der Ge- meindepräsident, nachdem es im Saal wieder hell ist, der Diaprojektor ausgeschaltet ist und eine junge Frau, als Helvetia verkleidet, sich neben das Redner- pult des Präsidenten stellt, um dem Gemeindepräsidenten zu assistieren, die Stimmen zu zählen. Wer für die Einbürgerung der Familie Kocsis ist, erhebe die Hand! Ein Meer von Händen, das sich erhebt. Ich danke Ihnen, und wer gegen das Einbürgerungsbegehren der Familie Kocsis ist, erhebe die Hand! Ein paar Hände, die sich in die Luft strecken, ein verhaltenes Raunen, das durch den Saal geht; …
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Melinda Nadj Abonji:

Geb. 1968 in Becsej, Serbien, seit 1973 in der Schweiz. Lebt in Zürich. Germanistik- und Geschichtsstudium in Zürich. Ihr 2010 erschienener Roman „Tauben fliegen auf“ wurde sowohl mit dem Deutschen als auch mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.

 

 

 

Excerpt of “Fly away, Pigeon”

Dear fellow citizens, I bid you a very heartfelt welcome in the name of our com- munity! The mayor, a friendly looking man in his mid-sixties in a plain suit (…) briefly explains the day’s business and the attendant turns off the lights, turns on the slide projector, we’ll now show you a few pictures, the mayor says, so that those who don’t know the Kocsis family can form an image of them and to refresh the memories of those who have already met them, here we have two children, Ildikó Kocsis, who will be eighteen in a few months, and her sister Nomi, almost exactly two years younger, the children have never been cause for complaint, the mayor says, they speak perfect German, the older daughter has in fact distinguished herself through outstanding academic results, and the mayor probably cleared his throat at this point, the parents, Rózsa and Miklós Kocsis, have an excellent reputation, except for a few minor traffic infractions, their conduct has been irreproachable; the community listens attentively, the projector’s rhythmic hum, here is the family at the public swimming pool (…) and here we see them in front of their laundry (…), we now come to the actual vote, the mayor says once the lights in the room have been turned on again, the slide projector turned off and a young woman dressed as Helvetia stands next to the mayor at the podium in order to help him count the votes. Those in favour of granting the family Kocsis citizenship, raise your hands! A sea of hands rises. Thank you, and those against granting the family Kocsis citizen- ship, raise your hands! A few hands are raised, a restrained murmur fills the room; …
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Born in 1968 in Becsej, Serbia, came to Switzerland in 1973 and lives in Zurich. In Zurich, she majored in German and History. In 2010, Nadj Abonji won both the German Book Prize and the Swiss Book Prize for her novel “Fly Away, Pigeon”.