Regula Michell

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Hymne an das Ephemere

When Seeing Just See umfängt den Besucher als opulentes Formen- und Farbenfest. Unaufhörlich sich wandelnde Farbräume von rot, orange über grün, türkis, blau zu weiss und grau werden von einer Zwei-Kanal-Videoproduktion erzeugt. Übers Eck angelegt, nehmen die Projektionen zwei Wände ein. Unmerklich gleiten florale und geometrische Muster in- und übereinander, streben wiederum auseinander, versinken bald in den Farbfluten, um flugs in gewandelter Form wieder aufzutauchen. Es entstehen visuelle mehrdimensionale Wechselbeziehungen zwischen der Fläche und dem scheinbar in die Tiefe reichenden Raum. Die Konstellationen sind nicht vorhersehbar. Durch die Bewegung wird die scheinbare Ordnung der Muster permanent aufgelöst und wiederhergestellt. Ihre Struktur aus farblichen und rhythmischen Konfigurationen verwandelt sich kontinuierlich und kaleidoskopisch in endloser Metamorphose.

Mit dieser raum- und ortsspezifischen Videoinstallation, die an die «Tall Glasses» von James Turrell erinnert, reagiert Regula Michell auf ihre Eindrücke von Wien; auf seine spezifischen Farben, Formen und Stimmungen. Besonderes Augenmerk richtet sie dabei auf die Kontroverse zwischen Jugendstilornamenten und den kritischen Schriften zum Ornament von Adolf Loos. Den Ausgangspunkt bildet eine grossformatige Collage, welche formal an ein Triptychon gemahnt. In komprimierter Form enthält sie die im öffentlichen Raum noch wahrnehmbaren Spuren von Ornamenten und Antiornamenten der letzten 100 Jahre, die die Künstlerin beim Flanieren gesammelt und gefilmt hat. Die als Raumnische angelegte Collage wird von einem grünen, arabeskenhaften Relief dominiert. Sie ist mit Bilderrahmen, Zeichnungen, einem Wecker, einer Lampe, einem Hochhausobjekt möbliert und mit tapetenartigen, gemusterten und beschrifteten «Allovers» drapiert. Mit der Videokamera fährt Regula Michell über die Collage, bald langsam, bald schneller, bald zoomt sie und bald dreht sie Schwenker. Aus dem Filmmaterial fertigt sie am Computer Ausschnitte an. Aus den kleinen Rhomben ordnet sie durch Drehbewegungen um eine Ecke «Parkette» mit Durchblicken an. Darüber disponiert sie in lockerem Verband die grossen Rhomben. Sie verlangsamt die Filme bis zur fünf- bis zehnfachen Länge. Im Hintergrund läuft der ganze Film, in dessen Bewegung die ornamental komponierten, vom Träger losgelösten Muster entstehen. Die Komposition mündet in einen 36 Minuten dauernden, als Loop inszenierten Film von sich langsam und stetig verändernden Ornamenten.

Panta rhei
Ornamentale Muster haben die Künstlerin schon immer fasziniert. Dies geht wohl auf ihren früheren Beruf als Chemielaborantin zurück, der sie dafür sensibilisierte, dass jeglicher Erscheinung ein Muster zugrunde liegt, respektive, dass alle Schöpfung einem Plan folgt. Diese Beobachtung inspirierte sie, die Ornamente in Bewegung zu versetzen, was sich als ideales Gleichnis für die Formel panta rhei erwies, wonach alles in Bewegung begriffen ist. Im Prinzip sind die Muster sehr elementar, auch in anthropologischer Hinsicht, besteht doch die DNA nur aus 4 Basenpaaren, die scheinbar unendlich kombinierbar sind. Vielleicht lässt dieser Umstand auf das Ornament als den ältesten, universellen künstlerischen Ausdruck schliessen.

Regula Michell vermittelt weder eine Botschaft noch ein Programm. Vielmehr hegt sie eine Passion für Formen, Farben und Rhythmen sowie für die durch die visuelle Ebene vermittelte Materialität. Dies geschieht stets im Hinblick auf Fragen nach dem Schönen in der Kunst, respektive der modernistischen Ängstlichkeit vor Schönheit. Das Spiel der kinetischen Ornamente in den rhythmisch sich transformierenden Farbräumen lebt von suggestiven und flüchtigen Erscheinungen. Es ist geradezu eine Hymne an das Ephemere. Gleichzeitig öffnet es Bezüge zur individuellen Bilder- und Erfahrungswelt oder ganz konkret zum umgebenden Raum, den die bewegten Ornamente je nach farblichen und rhythmischen Konstellationen entgrenzen, einengen oder atmosphärisch energetisieren. So lädt die Videoarbeit zu einer synästhetischen Erfahrung ein.

Dominique von Burg, 3.5. 2013

Regula Michell: Geboren 1960. Lebt und arbeitet in Zürich. Studium an der
Zürcher Hochschule der Künste, Vermittlung Kunst und Design, B. A. Schule für
Gestaltung und Kunst, Zürich, Diplom-Werklehrerin. Setzt sich seit vielen Jahren
mit dem Ornament als älteste visuelle, universale Sprache auseinander. Seit
2006 komponiert sie kinetische Ornamente – Moving Ornaments in Videos. Seit
1992 regelmäßig Ausstellungen, Stipendien und Werkbeiträge sowie kooperative
Kunstprojekte im In- und Ausland.

 

 

 

 

 

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